›Goethe – L’actualité d’un inactuel‹ – Tagung in Cerisy widmete sich dem Spätwerks Goethes

Unter dem Titel ›Goethe – L’actualité d’un inactuel‹ stand die von Prof. Christoph König gemeinsam mit Prof. Denis Thouard geleitete Tagung in Cerisy-La-Salle von 20.-27. August 2018.

Im Zentrum des Programms standen die Werke Goethes aus seinen späteren Schaffensperioden: Faust II, Wilhelm Meisters Wanderjahre, West-östlicher Divan, Epigramme, Natur- und kunstwissenschaftliche Schriften. Leitend war der Grundgedanke einer zweiten Autorschaft, und Ziel war zu verstehen, welche Formen die Kreativität annimmt, wenn die Werke in der Wiederaufnahme früherer eigener Werke, aber auch von Werken der Weltliteratur entstehen. Der Fokus auf die Kreativität wurde bestärkt durch die systematische Integration sogenannter ‚ateliers de lecture‘, die neben die Vorträge traten und in denen gemeinsam knappe Textpassagen oder einzelne Gedichte diskutiert wurden: Goethes Aufsatz ‚Über Laokoon‘ gehörten dazu, und ebenso die Gedichte ‚Hegire‘, ‚Anklang‘, ‚Offenbar Geheimnis‘ aus dem ‚West-östlichen Divan‘ sowie die Marienbader ‚Elegie‘ (1823) und Goethes Übersetzung des Rachegedichts von Ta’abbatta Scharran (das er in ‚Besserem Verständnis‘ aufnahm). Das abschließende ‚atelier‘ über Goethes Diderot-Übersetzungen und seine Vorbemerkungen dazu führte – im Gewand der Übersetzungsreflexion – Goethes Gedanken über das Verstehen vor und machte erneut deutlich, wie Goethes hermeneutische Reflexion auf die Produktionsprozesse selbst bezogen bleibt.

In den Vorträgen und Lektüre-Ateliers wurde ein neuer Goethe sichtbar. Dieser neue Blick verdankte sich wesentlich der Komposition der Teilnehmer: den Kern bildeten Goethe-Spezialisten, doch hinzu kamen ebenbürtig Vertreter anderer Philologien (Romanistik, Arabistik), Übersetzer, Künstler (das Gesprächskonzert über Lieder auf der Grundlage von Werken Goethes zeigte, dass die Komponisten wohl deutlicher als andere das Poetische realisierten) und Schriftsteller, ebenso Philosophen, die auf die ‚allgemeine‘ Bedeutung der Kreativität Goethes immer wieder hinlenkten.

Das Teilnehmerfeld war zudem international, die Teilnehmer kamen aus: Frankreich, Deutschland, Israel, den USA, Österreich, England, der Schweiz. Dass Französisch die maßgebliche Sprache der Vorträge und der Diskussionen war, erwies sich unverhofft auch insofern als Vorteil, als die Trennung der Sprache des Gegenstands und der Sprache der Betrachtung zu hermeneutisch günstigen Distanzierungen führte, die selbst wieder in der Diskussion bedacht wurden.

Das Echo der Teilnehmer war durchweg positiv: Die Goethe-Forscher sahen sich genötigt, ihre Vorstellungen zu verändern (Roland Krebs sprach von einem ‚colloque mémorable‘), und die anderen waren angetan von der Erweiterung ihrer (Wissens-)Horizonte. Am Ende fasste Adolf Muschg alles in einem Bild zusammen: Er sah eine Theatergesellschaft am Werk, die ein Stück aufführen sollte (mit dem Titel ‚Goethe-Kolloquium‘) und in der alle entschieden zu dem Gelingen beitragen wollten, schon alleine deshalb, weil man angesichts der Autorität, die über allem thronte (nämlich Goethe), keine Dummheiten sich erlauben durfte. Nikolaus Halmer hat mit den Teilnehmern während der Tagung Interviews geführt und daraus eine einstündige Sendung für den ORF gestaltet.

Hier finden Sie zwei Beiträge über die Tagung und insbesondere über den Vortrag von Prof. Werner Wögerbauer (Université de Nantes) über Goethes ›Römische Elegien‹: ein Bericht auf france culture und als Stream zum Nachhören.